Religiöse Judenfeindschaft

Zur Eigenkontrolle - antijüdische Aussagen

Die Erneuerung der Beziehungen zwischen Juden und Christen setzt die kritische Sichtung und Neuformulierung christlicher Glaubensaussagen und theologischer Überlegungen voraus… Das beginnt mit der Überprüfung und Vermeidung falscher Gegenüberstellungen, die jüdische Glaubensinhalte verzeichnen und herabwürdigen.

So wird z. B. unterschieden zwischen dem Gott des Alten Testaments (und der Juden) und dem des Neuen Testaments; der Gott der Juden wird dabei beschrieben als ein den Menschen ferner Gott; erst in Jesus Christus offenbare sich Gottes Menschenfreundlichkeit. In Wirklichkeit glauben aber auch Juden daran, dass Gott auf dem Weg zu den Menschen und ihnen nahe ist, wie schon das Alte Testament zeigt.

Die Aufteilung von Gesetz und Evangelium auf das Alte und Neue Testament bzw. auf Judentum und Christentum ist nicht zutreffend. Es gibt auch im Neuen Testament »Gesetz« und im Alten Testament auch »Evangelium«. Ebenso wenig kann man das Alte Testament als irdisch-materiell dem Neuen Testament als jenseitig-spirituell gegenüberstellen.

Der jüdische Glaube an die Erwählung Israels wird häufig als Überheblichkeit und als gegen die übrigen Völker gerichtet mißverstanden. Der biblisch-jüdische Erwählungsgedanke legt Israel jedoch eine besondere Verpflichtung auf und zielt von Anfang an auf das Heil der ganzen Völkerwelt. Nach jüdischem Verständnis gewinnt die Erwählung Israels zum Bundesvolk Gottes Gestalt in der Übernahme der Tora, die Gott ihm als Weisung zum Leben geschenkt hat.

Christen unterstellen den Juden oft eine lebensfeindliche »Gesetzlichkeit« und »Kasuistik«. Dabei vergessen sie, daß im Neuen Testament wiederholt die Gültigkeit der Tora unterstrichen wird und dass es selbst eine, Fülle von Geboten und konkreten Weisungen enthält. Das Bemühen des Judentums, das ganze Leben nach dem Gebot Gottes auszurichten, wird von Christen vielfach nur unter dem Blickwinkel der »Werkgerechtigkeit« gesehen. Das Geschenk der Tora ist jedoch in jüdischen Augen selbst schon ein Beweis der grundlosen Barmherzigkeit Gottes.

Falsch ist auch die verbreitete Annahme, das Judentum folge einer – angeblich typisch alttestamentlichen – Ethik der Vergeltung und Rache, während das Christentum im Anschluss an die Lehre Jesu eine Ethik der Liebe vertrete. Dabei wird übersehen, daß auch das Alte Testament Gott als den Barmherzigen verkündet und vom Menschen Barmherzigkeit fordert. Das Gebot der Nächstenliebe, das viele für typisch christlich halten, steht schon im Alten Testament (3. Mose 19,18). Auch in jüdischer Schriftauslegung findet sich die Forderung der Feindesliebe.

Verhängnisvoll in ihrer Wirkungsgeschichte ist schließlich die unter Christen weit verbreitete Auffassung, daß durch Christi Tod und Auferstehung der »alte Bund« zwischen Gott und seinem Volk außer Kraft gesetzt sei. Die biblische Überlieferung läßt jedoch keinen Zweifel daran, daß Schuld und Versagen der Menschen den Bund nicht aufheben können, den Gott aus freier Gnade mit der ganzen Schöpfung und mit seinem Volk geschlossen hat. Diesen Bund meint auch Jeremia (Jer 31,31-34) mit der Verheißung des neuen Bundes, der ins Herz gegeben wird und so nicht mehr übertreten werden kann.

Irreführend ist es schließlich, Juden und Christen so gegenüberzustellen, als ob die Juden nur auf die Erfüllung der Verheißungen warteten, während die Christen schon im vollen Besitz der Erfüllung seien. Obwohl die Christen bekennen, daß mit dem Kommen Christi die Gottesherrschaft angebrochen ist, erwarten sie gemein- sam mit den Juden die Erfüllung der noch uneingelösten Verheißung des neuen Himmels und der neuen Erde.

Um solche falschen Denkschemata zu überwinden, bedarf es großer Anstrengungen. Voraussetzung ist eine neue Sicht Israels. Israel ist von der Kirche in dreifacher Weise wahrzunehmen: als Wurzel, aus der der christliche Glaube gewachsen ist; als Nachbar seit den Anfängen christlicher Gemeinden; als zeitgenössisches jüdisches Volk im Staat Israel und in der Diaspora. Dieses vielstimmige und vielgestaltige Israel ist und bleibt Gottes erwähltes Volk. Seine Existenz enthält Anfragen an die christliche Kirche und ihre Theologie.

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