Das Verhältnis von Christen zu den Juden

1. Gemeinsamkeiten - Ergebnisse einer neuen kirchlichen Selbstbesinnung

a) Der Aufbruch 1970 - 1990

Ausgelöst durch die Erkenntnis christlicher Mitverantwortung und Schuld an der Schoa und bestärkt durch neue biblische Einsichten wurde von den Kirchen, dem 2. Vatikanischen Konzil, Bischofskonferenzen und vielen evangelischen Synoden das mit Juden Verbindende und Gemeinsame in den vergangenen Jahren entdeckt und formuliert:

Jesus war Jude

"Als Jude gehört Jesus ganz ins Judentum seiner Zeit und ist von daher zu verstehen..." (Synode Berlin-Brandenburg 1990)

Die Erwählung des jüdischen Volkes besteht fort, der Bund mit Israel ist ungekündigt.

"Wir glauben die bleibende Erwählung des jüdischen Volkes als Gottes Volk..." (Rheinische Synode 1980)

Der Glaube an den einen Gott

"Durch das Volk Israel hat sich der Glaube an den einen - einzigen - Gott in die Geschichte der Menschheit eingeschrieben ..."(Französische Bischofskonferenz 1973)

Gott ist Schöpfer Himmels und der Erde

"Wir bekennen beide Gott als den Schöpfer des Himmels und der Erde.. ." (Rheinische Synode 1980)

Die gemeinsame Schrift, das Alte Testament

"Jesus Christus hat von seiner jüdischen Herkunft her ein reiches geistliches Erbe aus der religiösen Überlieferung seines Volkes in die christliche Völkerwelt mit eingebracht ... Als Erstes ist auf die heilige Schrift Israels, von den Christen ,Altes Testament' genannt, hinzuweisen ..." (Deutsche Bischofskonferenz 1980)

Liebe und Gerechtigkeit sind Wesensmerkmale Gottes

"Juden und Christen sind in ihrem Glauben und Handeln bestimmt durch die Wechselbeziehung zwischen Gerechtigkeit und Liebe.. ." (Rat der EKD 1975)

Das Existenzrecht des Staates Israel

"Mit unseren Gebeten und in politischer Verantwortung sind wir dem Staat Israel, seiner Lebensgestalt und seiner Entwicklung, besonders in seinen Gefährdungen und Bedrohungen, zugewandt und verpflichtet.. ." (Reformierter Bund 1990)

Die Erwartung eines neuen Himmels und einer neuen Erde

"Wir hoffen mit den Juden auf einen neuen Himmel und eine neue Erde und wollen mit ihnen in der Kraft dieser Hoffnung für Gerechtigkeit und Frieden in dieser Welt arbeiten." (Badische Synode 1984)

b) Nächste Schritte 1990 -2000

Entsprechend dem Aufbruch zu einer neuen, grundlegend veränderten Beziehung zwischen Christen und Juden während der Jahre 1970 bis 1990, folgten in den neunziger Jahren weitere evangelische Landeskirchen in Deutschland mit ähnlichen Erklärungen.

Veränderungen in den Kirchenverfassungen

Parallel zu weiteren synodalen Erklärungen machten sich einige Landeskirchen, die sich schon früher zu ihrem veränderten Verhältnis zum Judentum bekannt hatten, daran, ihre Kirchenverfassung bzw. Grundordnung zu ergänzen.

"Gott hat Israel zu seinem Volk erwählt und nie verworfen. Er hat in Jesus Christus die Kirche in seinen Bund hineingenommen. Deshalb gehört zum Wesen und Auftrag der Kirche, Begegnung und Versöhnung mit dem Volk Israel zu suchen." (Veränderte Kirchenverfassung der evangelisch-reformierten Kirche in Bayern und Nordwestdeutschland 1988)

"Aus Blindheit und Schuld zur Umkehr gerufen, bezeugt sie (die Kirche) neu die bleibende Erwählung der Juden und Gottes Bund mit ihnen. Das Bekenntnis zu Jesus Christus schließt dieses Zeugnis ein." (Änderung der Grundartikel der evang. Kirche in Hessen und Nassau, 1991)

Die Aussagen zum neuen Verhältnis von Kirche und Judentum erscheinen in den Abschnitten der jeweiligen Kirchenverfassung, die das Wesen und das Bekenntnis der Kirche beschreiben. Damit gehört die Beziehung zwischen Christen und Juden zum Selbstverständnis der jeweiligen Kirche und aller ihrer Mitglieder.

c) Zwei unverändert ‚heiße Eisen’:

Das Existenzrecht des Staates Israel

Gegenüber den Neuansätzen in den achtziger Jahren ist später das Thema Israel - Land Israel - Staat Israel kaum ein Thema, das der Erwähnung wert scheint. Die wenigen Beispiele, wo es überhaupt erwähnt wird, bleiben sehr vage und unverbindlich:

Die westfälische Kirche z.B. erklärt, um allen Missverständnissen vorzubeugen, dass der in der Erklärung verwendete Begriff "Israel" das Volk Gottes im biblischen Sinne meint:

"Es ist also nicht der Staat Israel gemeint und keine Stellungnahme zu den politischen Konflikten des Nahen Ostens beabsichtigt. Die ökumenische Verbundenheit mit den Kirchen des Nahen Ostens fordert uns heraus, die berechtigten Anliegen von Israelis und Palästinensern auch künftig im Blick zu behalten." Es folgt keinerlei Hinweis auf das Land bzw. den Staat Israel.

Einen anderen Weg ging die katholische Kirche: 45 Jahre lang ignorierte der Vatikan die Gründung des Staates Israel. Am 30. Dezember 1993 unterzeichneten der Vatikan und der Staat Israel einen Grundlagenvertrag, dem 1994 der Austausch von Botschaftern folgte. Papst Johannes Paul II. besuchte daraufhin im Jahre 2000 offiziell das Heilige Land und Israel.

Ablehnung der Judenmission

Ende der neunziger Jahre kam dieses Thema, das seit Beginn der Trennung zwischen Juden und Christen schwelt, wieder auf die Tagesordnung.

Zunächst war es die Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag, die beim Kirchentag in Stuttgart, Juni 1999, erklärte:

"5. Die Mission an Juden gefährdet den Dialog zwischen Juden und Christen und wird in den jüdischen Gemeinden in Deutschland als Bedrohung wahrgenommen. Deshalb verbietet sich für Christen jeder Versuch, an einen Juden in missionarischer Absicht heranzutreten."

Die evangelische Kirche in Westfalen (EKvW) nahm in ihre Synodalerklärung vom 14.11.1999 diese klare Vorgabe auf und beschloss u. a.: "Juden und Christen bezeugen je für sich und füreinander die Treue Gottes, von der sie beide leben. Deshalb achten Christinnen und Christen jüdische Menschen als Schwestern und Brüder im Glauben an den Einen Gott. Der offene Dialog über Gottes Gnade und Wahrheit gehört zum Wesensmerkmal der Begegnung von Christen und Juden. Diese Einsichten lassen nicht zu, dass Christen Juden auf den christlichen Glauben verpflichten wollen. Deshalb distanziert sich die Landeskirche der EKvW von jeglicher Judenmission. Nicht Mission an Israel, sondern das Gespräch mit Israel ist Christinnen und Christen geboten."

Literaturhinweise:

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